Mesmerismus – Mythos oder ernsthafte Wissenschaft? Teil 2

Mesmerismus – Mythos oder ernsthafte Wissenschaft? Teil 2

Der Einfluss des Magnetismus auf den menschlichen Organismus wurde schon gegen Ende des Mittelalters in der medizinischen Fachliteratur debattiert. Zu jener Zeit pries Paracelsus (1493 bis 1541) diese Magnetisierungswirkung an. Dieses Gedankengebäude wurde von Mesmer in die Weltanschauung der aufbrechenden Aufklärung übertragen und erzielte beeindruckende Ergebnisse. Mesmer bezeichnete es kurzerhand als Animalischen Magnetismus.

An engraved vintage illustration portrait image of Sir Isaac Newton the famous English physicist, from a Victorian book dated 1847 that is no longer in copyright
Isaac Newton (1643 – 1727)

Die Bezeichnung Animalischer Magnetismus hat aber mit Mesmers Entdeckung höchstens ansatzweise etwas zu tun, denn weder animalisch noch Magnetismus wie sie von natürlichen Steinen, Mineralen oder Metallen ausgeht, können der von Mesmers beschriebenen Wirkungsweise gerecht werden. Tatsächlich meint er das allesdurchdringende Fluidum, diesen überall präsenten Äther, der auch für die Wissenschaftler heutzutage nicht wirklich greifbar ist, den man einfach nur um- bzw. beschreiben kann. Dieselbe Kraft, mit welcher man die Kraft der Suggestionen beschreiben kann und die Methode der Hypnose erst möglich macht.

Wie schon in Teil 1 dieses Artikels erwähnt, bediente sich Mesmer für sein Gedankenexperiment der zeitgenössischen, populären Erkenntnisse aus der Naturwissenschaft. Die Gravitationslehre von Newton und die neuesten Erkenntnisse der Elektrizitätsforschung waren wegweisend für die von Mesmer entwickelte Heilmethode. In seiner Wiener Doktorarbeit behandelte er bereits die Wirkung der Gravitationen der Gestirne auf den menschlichen Organismus. Die zur damaligen Zeit revolutionäre Logik: Wenn Sonne und Mond Ebbe und Flut erzeugen, beeinflussen diese auch Lebewesen!

Damit diese gegenseitige Beeinflussung erst überhaupt möglich sein kann, bedarf es eines Mediums, einer Art gewichtsloser Masse. Diesen Austausch, welcher zwischen den Planeten und der Erde, zwischen aller anorganischer und organischer Materie, somit auch zwischen allen Lebewesen besteht, nennt Mesmer Magnetisieren.

Äquivalent dazu macht Mesmer auch auf das Prinzip der Reibungselektrizität aufmerksam, welche Körper magnetisch auflädt und Blockaden löst, welche nach der damaligen Lehrthese der Ursprung aller Krankheiten galt. De facto gelang es Mesmer, Kranken ihrer Leiden zu entledigen. Vorrangig geistig komplett auf den Kranken fokussiert, den Körper des Patienten mit der flachen Hand bestreichend und den Patienten mental mit einem Eisenstab oder dem bloßen Finger fixierend und dabei als Geräuschkulisse Glasharmonikamusik, verzeichnete Mesmer fulminante Erfolge.

Möglich wäre, dass man heutzutage diese Kraft der dunklen Materie oder dunklen Energie zuschreiben darf. Die Existenz von dunkler Materie war jahrzehntelang nur ein Gedankenkonstrukt aus der Kosmologie, wurde aber von dem Japaner Takaaki Kajita und dem Kanadier Arthur Mc Donald nachgewiesen, weshalb sie 2015 den Nobelpreis bekamen.

Daß Mesmer seine Fähigkeiten bei dermaßen erfolgreichen Heilsitzungen außerhalb seines bekannten Wirkungsbereiches unter Beweis stellen musste, war lediglich nur eine Frage der Zeit. So begab es sich, daß Mesmer vom Fürstbischof von Konstanz, Kardinal Franz Conrad von Rodt, zu einem Duell mit dem bekannten Exorzisten und Wunderheiler Pfarrer Johann Josef Gaßner (1727 – 1779) geladen wurde. Dem Fürstbischof war das geistliche Theater mit viel künstlichem Brimborium und Hokuspokus von Gaßner ein Dorn im Auge und wollte auf diesem Wege diesen Mummenschanz beenden.

Das eigentliche Grundprinzip mit welchem Gaßner arbeitete unterschied sich eigentlich kaum von dem Mesmers. Dieser reiste um 1775 nach München, wo er vor dem Kurfürsten und der Akademie der Wissenschaften durch sein beispielloses Können wie Gaßner mindestens die selben Erfolge erzielte, allerdings ohne dieses zusätzliche exorzistische Gehabe. Da dieses Gehabe aber Gaßners scheinbares Zentrum seiner Praktiken darstellte und Mesmer ohne diesen Gehabes auskam, war sozusagen bewiesen, daß Gaßners Exorzismus, welches Zaubersprüche und Segnungen enthielt, mehr oder weniger völlig überflüssig war.

Das eigentliche Problem, welches Gaßner plötzlich hatte, war der Ersatz des geistlich kirchlichen Erklärungsmodells durch ein wissenschaftliches. Gaßners Laufbahn war damit fast schlagartig beendet. Durch Mesmers Entzauberung der exorzistischen Praktiken stieg Mesmer selbstverständlich im Ansehen und wurde zum Günstling und ordentlichen Mitglied der Kurbayerischen Akademie der Wissenschaften.

 

Quellennachweis: „Schwäbische Heimat“ 2015/1 S. 31 – 37 (Thomas Knubben)

Interessante Links zu diesem Thema: Beweise für Existenz des 6. Sinns im Gehirn (in englisch)

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